Lebenslauf

Es gibt Dinge, die man nicht glaubt. Weil sie uns nicht erreichen dürfen und noch keine Worte kennen. Wie wenn ein Baum aus Versehen gefällt wird, unter dem wir gestern noch gerastet haben. Günter war ein Freund mit einer stillen Selbstverständlichkeit, die jetzt schmerzt, weil er nicht mehr unter uns ist.

Günter war ein unverrückter Mensch. (Ein Fels in der Brandung, der sichere Hafen im flüchtigen Strom der Beziehungen.) Mit ihm mochte man lachen, streiten oder sich Sorgen machen – um ihn machte man sich keine Sorgen. So groß, so stark, so alterslos, nur ein paar Wachstumsringe um die Taille, aber der gleiche rotblonde Vollbart, die strähnigen Haare und gleichmütig freundliche Stimme von irgendwann bis heute. So einer liegt nicht 6 Fuß unter der Erde. Ich sehe ihn vor mir auf den Lastwagen beim Umzug nach Langerfeld, als die Waschmaschine durch einen Bedienungsfehler die Hebebühne herunter zu rutschen begann und Günter mit einen Satz die Maschine aufhielt. Immer vertrauenseinflößend, stark, gegenwärtig.

Als wir uns vor zwanzig Jahren begegneten bin ich über seinen Hund gestolpert und stand einem Hünen gegenüber, der immer leicht gebückt ging, als ob die Welt ihre ungelösten Fragen auf seinem Rücken abladen würde. Günter sah damals so aus wie heute: Ein dunkelbrauner Pullover, Jeans, die bleiche Haut, die zwinkernden Augen und ein verlegenes Lachen. Es war in einer kleinen, alternativen Druckerei. Günter hatte einen riesigen Hund, einen Schlafsack, einen Rucksack mit ein paar Habseligkeiten und wollte einen Betrieb gründen. An den Wochenenden besuchte ihn eine Freundin aus dem fernen Westerwald, die seine Frau wurde. 23 Jahre Partnerschaft sind in unserem Kreise beinahe eine Kuriosität und wir haben die beiden immer beneidet, um die Sicherheit mit der sie ohne einem einzigen Streit aus dem weg zu gehen beharrlich zusammen blieben. Treue ist ein seltsames Wort, ein bisschen Lanzelot, Vorsatz oder gar Gelübde, aber ihm war es Bedürfnis; er war treu seinen Lieben gegenüber, seinen Freunden, sich selbst und allen anarchistischen Lebenskonzepten zum Trotz ein archaischer Familienmensch: seine Frau Inge, seine Kinder Hester und Frieder aber auch seine Eltern und Geschwister, seine Westerwälder Familie bedeuteten ihm viel und bestimmten seinen Alltag. Ein Familientier, der zu uns immer mit großem Respekt, mit Liebe, ja fast mit Bewunderung über seine Frau und seine Kinder sprach. Im Malstrom der Scheidungen, Trennungen und neuen Verwirrungen waren sie ein Hort der Beständigkeit.

Außerhalb seiner Wohnung und seines Betriebes ein Eigenbrötler, schüchtern, manchmal linkisch aber jemand der, einmal in einem Gespräch verwickelt, ungern losließ. Er konnte beides: Erzählen und zuhören mit einer wohlwollenden, brummelnden Zustimmung und beides so fern von dem üblichen Kneipengeplänkel, daß jedes Gespräch neugierig auf die nächste Begegnung machte. Zuhause war die Tür offen, im Betrieb ebenfalls und seine freundliche Offenheit lud widersprüchliche Menschen ein. Günters heftige Art zu reden, mit dem leichten Zungenschlag, der seinen Westerwälder Akzent einfärbte werden mir fehlen, wird uns allen fehlen. Und diese wunderbare Gegenwart mit der er zuhören konnte.

Da war er wieder der Fels in der Brandung. Ich kenne wenig Menschen, die sich so treu geblieben sind – auch wenn sie sich verändert haben.

Günter war ein Baum, verwurzelt in seiner Familie, seinen Freunden, seinem Betrieb – der höchst ungern die Nase in fremde, ihm unverständliche Länder steckte und die wenigen Familienausflüge außerhalb der Landesgrenzen liebend gern in ein Leben auf dem Lande umgetauscht hätte. Vielleicht wäre er eines Tages zurück in den Westerwald gezogen. Seine Reisen fanden in Internet, in Büchern und in Gesprächen statt. Seine grenzenlose Neugierde ließ nichts aus. Ein Autodidakt, der dem Zeitgeist und erst recht den Zeitgeistern mit achselzuckender Mißachtung begegnete. Er hatte sein Studium damals nicht abgebrochen, sonder nur weitergeführt. Lernen war ihm zur lieben Gewohnheit geworden. Ein ewiger Student im besten Sinne.

Auch seinen politischen Überzeugungen blieb er treu. Aus Leidenschaft und um der Gerechtigkeit willen wurde er als Schüler links, verweigerte alles und jeden so auch den Wehrdienst mit einer Konsequenz, die ihm ein Jahr Wittlich einbrachte. Dieser Westerwälder Dickkopf brachte viele zum verzweifeln. Dabei war er einfach nur konsequent. Selten ließ er eine Demonstration aus – von Tschernobyl über Reagan bis zu den Irakdemos war er dabei mit Frau und Kindern und gleichzeitig konnte er in der IHK, wenn es sein musste oder in der Sparkassenetage unternehmerische Visionen, die jeden Wirtschaftsliberalen zum Applaudieren brachten zum Besten geben. Für ihn wahrhaft kein Widerspruch.

Seine Entwicklung vom politisierten Gymnasiasten zum Unternehmer veränderte nicht seine Persönlichkeit, sondern fügte ihr nur überraschende Facetten dazu. Günter leugnete nicht seine bürgerliche Herkunft und legte diesen Habitus um so leichter ab. Die gleiche bedächtige Freundlichkeit ging galt Freunden, Verwandten, Kollegen und Kunden. Ohne irgendwelche Rollen zu bemühen war er einfach Günter Euteneuer. Eigenartig klassenlos in einer Zeit, als vielen von uns Auf- und Umsteigern Titel und Karrieren arg zu Kopfe stiegen. Günter blieb ungerührt und bastelte an neuen Projekten mit der gleichen kindlichen Begeisterung mit der ein neues Handy ausprobierte.

Diese nimmermüde Anteilnahme. Er las einfach, verschlang Bücher ohne Rücksicht auf literarische Credos oder Interessengebiete. Informatik, Politik, Technik oder Psychologie. In seinem Zimmer lief ein Fernseher, ein Videorecorder nahm eine Sendung auf, das Radio dudelte im Hintergrund und natürlich lief der Computer im Dauerbetrieb. Das “WWW” war augenscheinlich für ihn geschaffen worden, um der Welt von Atlantis bis Zypresse auf die Finger zu schauen. Das Leben als Drahtseilakt in unterschiedlichen Sphären mochte für seine Angehörigen anstrengend sein – ich fand es faszinierend. Ein Gespräch konnte bei den Illuminaten anfangen und beim Sozialabbau aufhören, mit einem kleinen Exkurs über den Niedergang der westdeutschen Druckindustrie und den Vorzügen der PUR-Bindung. Diese Lust am Debattieren und Diskutieren wird mir fehlen. Günter ging es immer um die Sache und gleichzeitig war sie völlig unwichtig. Waghalsige Thesen, finstere Theorien und einleuchtende Erklärungen wechselten sich ab, vorzugsweise nahm er den Gegenstandspunkt ein. Sein hartnäckiges “Nein”, das Monate später in ein hingeworfenes “Ja” umschwenken konnte, als sei nie etwas anderes von ihm behauptet worden. So heftig er wurde – er war ein wahrer Wüterich – blieb er gleichzeitig ein maßlos friedlicher Mensch, der die Gewaltlosigkeit überall und ohne Ausrede der Welt vorhielt. Man fürchtete sich gelegentlich vor seinem Zorn. Vor ihm nie.

Die Menschen mitzunehmen war ihm wichtig, auch wenn nicht nur die Mühseligen und Beladenen Schlange standen, um mit aufs Boot zu kommen. Bis zum Konkurs vom Umbruch hofften die meisten, der Günter würde es auch diesmal richten – irgendwie – mit seinem breiten Rücken. Bis es zu viel wurde. Wie vielen hat Umbruch geholfen, einen Neuanfang zu wagen oder verwirrte Lebensentwürfe weiter zu stricken? Natürlich war er jähzornig, manchmal ungerecht – da flogen nicht nur im übertragenen Sinne die Fetzen – aber nicht nachtragend. Nie!

Gutmütig, manchmal fast vertrauensselig, immer hilfsbereit. Er konnte Freunden und Kollegen, die seine Hilfe brauchte nie etwas abschlagen, auch wenn es unvernünftig war. Bei Menschen war ihm eine ökonomische Logik zuwider. Und dieses Wissen: “Wenn es mal bei dir schief geht wird Günter schon etwas finden”, hatte auch für mich etwas sehr beruhigendes. Ein Baum in der Flut, unbeugsam, unverrückbar.

Viele hat Umbruch durchgeschleust. Die meisten haben unterwegs die Waffen gestreckt. Günter war von Anfang an mit seiner Beständigkeit und Energie dabei. Angefangen von den Niederungen einer Buchbinderklitsche, zu den Höhenflügen eines angehenden Medienkonzerns bis zum Absturz der Buchbinderei und ihrem Neuanfang. Er hat immer gearbeitet wie ein Tier, stoisch, ohne Rücksicht auf sich – wohl aber auf andere, denen er achselzuckend eine völlig andere Einstellung zubilligte. Ein Patriarch in einem Kollektivbetrieb und später ein höchst unkonventioneller Unternehmer. An Ideen fehlte es ihm nie. Manchmal waren es zu viele und das bekam dem ganzen nicht, aber er blieb beim Abflug ebenso gelassen wie bei den zahlreichen Bruchlandungen. Und war zur Stelle für die Mitgenommenen und Zurückgebliebenen. Dabei stand er persönlich für einen Betrieb grade, der allen Gesellschafterverhältnissen zum Trotz, sein eigentliches Lebenswerk ist. In den letzten Wochen sah er wieder Land in Sicht, schmiedete neue Pläne – wann hatte er je keine Pläne gehabt? – bis es ihm das Herz zerriss, just in dem Betrieb, der ihn so viel Lebenskraft gekostet hatte.

Liebe Inge, liebe Hester lieber Frieder, liebe Frau Euteneuer. Für euch schmerzt der Verlust am meisten – wie sollte es anders sein. Diese Lücke schließt sich nicht. Aber ihr erinnert euch an eine gute Zeit mit Deinem Mann, mit Eurem Vater, mit Ihrem Sohn und diese Kraft, die auch deine Kraft ist, Inge, lebt in euch allen fort. Es gibt kein Vermächtnis aber eine Haltung, die sich in euch fortsetzt. Und damit mehr ist als Erinnerung.

Es ist leer geworden um uns, auch wenn er weiterhin mit uns am Tisch sitzen wird und wir seine Einwände und Bemerkungen zu hören glauben.

Und dieser Satz von Wolf Biermann, der mir nicht aus dem Sinn geht:

“Wie nah sind uns manche Toten,

doch wie tot sind manche, die leben”

(Geschrieben von André, getippt von Lisa Bäcker 11/2004)